Lyrik

Die Nachtigal

Vergebens wird bei Tag und Nacht
Der Schönen goldnes Vlies bewacht.
Dies ist verlorne Müh‘. Sobald von Lust gerühret,
Ein Mädchen erst geheimen Kitzel spüret,
So glückt es einem Jüngling leicht,
Der zu gefallen weiß, an Witz dem Jason gleicht,
Die Schwierigkeiten zu besiegen
Und Wacht und Drachen zu betrügen;
Zumal wenn selbst des Mädchens List
Und der erfahrne Gott der Liebe günstig ist!
Der Zwang hat Schöne oft um ihren Kranz gebracht;
Sie lieben heftiger, je mehr man sie bewacht;
Ihr Herz läßt willig sie verführen
Und hat die goldne Freiheit lieb:
Der Wächter Hut und Gitter, Schloß und Thüren
Sind ein zu schwacher Damm für junger Mädchen Trieb.
Im zwölften Jahr sind Schönen schon verliebt;
Was Wunder, wenn es jetzt nicht mehr Agnesen gibt?
Denn jede sucht die Störer im Vergnügen,
Die Argus ihrer Zucht zu listig zu betrügen.
Ein wollustvoller Blick, gestärkt durch schlaue Tränen,
Ein zärtlich Wort und Seufzen, Klagen, Sehnen,
Ein schmeichelnd Lächeln und ein sanfter Druck der Hand,
Dies alles wird dann angewandt,
Sobald ein Mädchen sucht mit zärtlichem Bemühen
Den Jüngling in ihr Netz zu ziehen.
Doch, g’nug davon. Jetzt soll der Leser hören,
Wie einst, o niemand zweifelt dran,
Die junge Dorilis gethan;
Und dann soll mich sein Urtheil lehren:
Ob Schönen, die man zwingt, nicht Trieb zur Liebe fühlen?
Doch Doris mag nun selbst die Rolle spielen,
Und zeigen, wie der Vogel sie ergötzte,
Den sie mit List in ihren Käfig setzte.

In Welschland, oder doch nicht weit davon,
Liegt eine Stadt, den Namen hab‘ ich nie erfahren;
Vielleicht liegt diese Stadt gar in Utopia,
Doch weiß ich’s nicht. Genug, es lebte da
Ein artig Kind von vierzehn Jahren.
Ihr Vater nannte sich Herr Varambon;
Wie ihre Mutter hieß, das will Boccaz nicht wissen;
Wir können auch den Namen leicht vermissen,
Die Tochter ward die junge Dorilis genannt,
Bei der man alles reichlich fand,
Was, nach der besten Kenner Lehren,
Ein junges Mädchen braucht, des Jünglings Ruh‘ zu stören.
Ihr Aug‘, ihr schöner Arm, des schönern Busens Pracht
Schien, wie ihr Mund, zur Lust gemacht,
Es blühten Lilien auf den Wangen,
Und Rosen, die erst aufgegangen.
Zwar ihren größten Reiz verbarg ein neidisch Kleid:
Doch ihn verrieth die äußre Trefflichkeit.

Bei so viel Werth kann’s Schönen, zwar im Wählen,
Doch nicht an jungen Buhlern fehlen.
Auch Doris war zwar vieler Wünsche Ziel;
Doch Richard war allein, der ihr gefiel;
Durch Blicke, die noch mehr als Worte sagen,
Durch Seufzer und verstellten Schmerz
Erobert er in wenig Tagen
Der schönen Doris jungen Herz.
Sie liebten sich. Er fand in Doris Zügen,
Und sie in ihm, ihr Glück und ihr Vergnügen;
Bald aber schleichet sich ein schmachtendes Verlangen,
Ein heißrer Wunsch bei ihren Küssen ein,
Und beide, da sie kaum zu lieben angefangen,
Verlangen mehr, als nur geküßt zu sein.
Was denn? Das brauch‘ ich nicht zu sagen,
Danach wird auch kein kluger Leser fragen:
Wenn ein verliebtes Herz in solchem Alter schmachtet,
So weiß man leicht, wonach es trachtet!

Jedoch, ein Umstand war den Liebenden zuwider,
Und schlug fast alle Hoffnung nieder.
Die Schöne ward mit Sorgfalt auferzogen,
Sie mußte stets bei ihrer Mutter sein,
Die war der Tochter zu gewogen,
Ließ Dorilis bei Tage nie allein;
Bei Nachte schlief sie stets nah an der Mutter Bette.
Die Tochter, die so gern allein geschlafen hätte,
Wünscht heimlich sich von diesem Zwange frei,
Und mindre Zärtlichkeit und mütterliche Treu‘.
Dergleichen Sorgfalt ist für Kinder nur,
Für Mädchen nicht von vierzehn Jahren,
Die, was der Mutter einst erfuhr,
Voll Sehnsucht wünschen zu erfahren!
Auch Doris ward es überdrüssig,
Sie brachte alle Tage müßig
Und ungeküßt und traurig zu.
Der mütterliche Ernst stört der Verliebten Ruh‘;
Kein Augenblick ist abzubrechen,
Sich mit dem Liebling zu besprechen.
Zwar manchmal, wenn er seine Schöne fand,
Drückt im Vorübergehn er ihre weiche Hand,
Oft wird ihr auch ein sanfter Kuß geraubt,
Doch weiter ist ihm nichts erlaubt!
Wie viel blieb nicht bei diesem Mißgeschick,
Für der Verliebten Wunsch zurück!
Doch einst, im größten Schmerz, von Doris fern zu sein,
Traf ihr vergnügter Freund die Doris ganz allein.
Hier sprach er unbelauscht: »Was helfen meine Triebe?
Was hilft mir selbst die höchste Gegenliebe?
Das Glück verfolget mich zu scharf!
Was hilft es, dich zu sehn, wenn ich nicht reden darf?
Selbst wenn ich klagen will, dein Mitleid zu erwecken,
So hindert mich der Zwang, mein Herz dir zu entdecken!
Mußt du denn stets bei deiner Mutter sein?
Weißt du denn nicht von ihr dich zu befrein?
Du würdest leicht ein Mittel finden können,
Allein du liebst mich nicht!« – »Ach! wär‘ ich falsch zu nennen,
So würd‘ ich, den Verdacht zu rächen«,
Sprach Doris, »härter mit dir sprechen.
Doch ich bin dir zu gut, darum vergeb‘ ich dir.
Entdecke mir nur selbst: was forderst du von mir?«
Er sprach: »Mir fällt kein besser Mittel ein,
Als dies: du mußt vor allen Dingen
Dein Bette dort in jene Laube bringen!
Da find‘ ich dann, wenn alles wird im Schlummer sein,
Dich, meine Doris, ganz allein!
Ich habe dir viel Wichtiges zu sagen,
Doch darf ich nichts in andrer Beisein wagen.«
Die Schöne lächelte. Ein Seufzer und ein Blick
Gab die Bewilligung in ihres Richards Glück.

Die Liebe, die selbst Spröde weiß zu zähmen,
Gibt auch den Schönen oft Verstand.
Durch sie glückt’s Doris auch, daß sie ein Mittel fand,
Sich Richards Wunsche zu bequemen.

Es wird von ihr die nächste Nacht
Aus Schalkheit schlaflos zugebracht.
Sie seufzet, winselt, weint, sie wälzt sich hin und wieder,
Klagt über Mattigkeit der Glieder,
Und Varambon, der ihre Klage hört,
Wird selbst in seinem Schlaf gestört.
Sie wacht! Ist dies wohl wunderbar zu nennen?
Ein Mädchen, das sich fühlt, wird selten schlafen können.
Sobald der Tag nur angebrochen,
Klagt sie, daß Mücken sie gestochen,
Und sagt zur Mutter, die selbst nichts von Hitze weiß,
Die Kammer sei ihr viel zu heiß!
Ach dürft‘ ich«, spricht sie ganz bewegt,
Mein Bette nicht in jene Laube bringen?
Da ist es frisch! Da hör‘ ich auch den Sprosser singen,
Der in der Dämmerung dort in der Hecke schlägt.
– – In jene Laube? – – Ja, da wird es kühler sein.
– – Gut, aber Varambon – – ich will ihn erst befragen,
Indessen wird es dir von ihm gleich abgeschlagen,
So willige doch ich darein!
Der Alte wird gefragt, doch Väter seines Gleichen
Sind gegen junge Töchter hart;
Auch Varambon ist nicht durch Bitten zu erweichen,
Ob Doris gleich nicht Kuß noch Thränen spart.
Die Mutter, die zu unerfahren ist,
Besorget keine Hinterlist
Und hilft, allein umsonst, durch sanftes Backenstreicheln,
Zu ihrer Tochter Ruh‘ dem klügern Alten schmeicheln!

Der Männer Widerspruch erhitzt der Weiber Blut;
Auch Doris Mutter nimmt die Zuflucht zu der Wuth;
Umsonst sucht Varambon ihr noch zu widerstreben,
Die Furcht vor ihrem Zorn befiehlt ihm nachzugeben:
Zwei Worte spricht sie nur: Ich will!
Und schüchtern schweigt der Alte still.

Drauf folgt der Mutter Wink die Tochter willig nach
Und ändert gleich ihr Schlafgemach.
Dem Liebling wird die Nachricht gleich gebracht,
Der dem Vergnügen künft’ger Nacht
Voll Hoffnung schon entgegen lacht.

Ein jeder Augenblick scheint Liebenden zu lang:
Auch Richard seufzt, und wünscht der Sonne Untergang.
Sobald die Nacht ihm läßt den schönsten Wunsch gelingen,
Eilt er, als Nachtigal, der Schönen vorzusingen.

Im weichen Bett trifft er sie schmachtend an;
Doch was er da bei ihr gethan,
Ihr Zeit und Schlummer zu vertreiben,
Das braucht dies Blatt nicht zu beschreiben.
G’nug, Doris war von vierzehn Jahren!
Die Lust, die ihn bei ihr entzückt,
Wird viel zu schwach hier ausgedrückt,
Wer sie begreifen will, ist werth, sie zu erfahren.

Fast durch die ganze Nacht sang ihr der Vogel vor
Und reizte Doris lüstern Ohr!
Sie selbst gestand: kein‘ Nachtigal in Sträuchen
Sei diesem Sprosser zu vergleichen!
Doch da zuletzt sein Ton zu oft erklang,
Geschah es, daß er matt in Doris Arme sank.
Sie selbst, die Schöne, ward, bei dem verliebten Liede,
Des Hörens gar nicht satt, jedoch des Wachens müde.
Kurz, beide schlafen ein, und Varambon erwacht!
Sogleich wünscht er zu sehn, was seine Tochter macht;
Er, den nicht mehr die Lust, die mich noch rührt, entzündet,
Schleicht zu der Tochter hin, die er im Schlafe findet.

Es trifft der alte Ehemann
Die Tochter unbedeckt in Richards Armen an:
O hätt‘ ich sie an seiner Statt erblicket,
Wie hätte mich des Mädchens Reiz entzücket!
Ihn rührt er auch, jedoch aus Eifer nur;
So nackend, wie man uns, im Schatten junger Bäume,
Die ersten Eltern malt, im Stande der Natur:
So lag auch Doris hier, gewiegt durch sanfte Träume.
Doch an des Apfels statt, den Eva dort gehalten,
Hielt Doris, dies verdroß den Alten,
Das, was noch oft mein Mädchen hält,
Was heimlich Spröden selbst gefällt,
Was Adam oft gebraucht, sein Evchen zu vergnügen;
Und so wie Richard lag, so wünscht‘ ich selbst zu liegen!

Kaum faßt der Alte sich vor Schrecken,
So eilt er, gleich die Mutter aufzuwecken,
Die Varambon noch schlafend fand.
Kind, ruft er, denke doch, dem Mädchen ist’s gelungen,
Der Sprosser ist bestrickt, der hier so oft gesungen!
Komm, Doris, die ihn fing, hält ihn noch in der Hand!
Den Sprosser? Wie? Wer hätte das gedacht?
Wie hat das Mädchen das gemacht?
Er pflegte durch sein Lied, mich oft vom Schlaf zu wecken!
Ist er denn groß? Wird er auch Junge hecken? –
Vielleicht, sprach Varambon; allein nimm dich in Acht,
Damit nicht dein Geschrei den Vogel schüchtern macht!

Voll Neugier folgt sie drauf und sieht mit neid’schem Blick
Den Sprosser, und in ihm der schlauen Tochter Glück.
Als Weib will sie durch Schmäh’n den Schimpf der Tochter rächen:
Du Schänder! ruft sie aus und will noch weiter sprechen;
Allein der kluge Greis verweist sie zur Geduld,
Und sagt: Was hilft dein Schmäh’n? Du selbst hast alle Schuld!
Du weißt, ich wollte nicht der Tochter Wunsch gewähren,
Doch du bewilligest ihr listiges Begehren.
Dein Eifer ist zu spät, umsonst ist Zorn und Droh’n:
Wir sehn in Richard jetzt den künft’gen Schwiegersohn!
Kein Mittel weiß ich sonst, als, wie ich schon befohlen,
Den Priester und Notar bei Zeiten herzuholen.

Gleich kommt der Priester an, begleitet vom Notar,
Und Richard wird ihr Mann, der ihr Geliebter war.
Sobald sein Jawort ihn der Schönen zugesellt,
So kehrt sich gleich in Lust der beiden Eltern Trauer.
Der Alte ruft: »Nun ist die Nachtigal im Bauer,
Sie singe nun, so lang‘ es ihr gefällt!«

J[ohann] C[hristoph] Rost.